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Lucius Burckhardt, geboren 1925 in Davos, Dr. phil. in Basel, war ab 1955 zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Sozialforschungsstelle der Universität Münster in Dortmund tätig. Nach einer Gastdozentur an der Hochschule für Gestaltung in Ulm 1959 übernahm er von 1961-1973 mehrere Lehraufträge und später Gastdozenturen für Soziologie an der Architekturabteilung der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich. Gleichzeitig arbeitete er von 1962-1972 als Chefredakteur der Zeitschrift „Werk“. Von 1976-1983 war Lucius Burckhardt Erster Vorsitzender des Deutschen Werkbundes, ab 1973 lehrte er als Professor für Sozioökonomie urbaner Systeme an der Gesamthochschule/Universität in Kassel. Er war korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie für Stadt- und Landesplanung, Chevalier dans l'Ordre des Arts et des Lettres, Mitglied des Gründungsbeirates der Hochschule der Bildenden Künste Saar von 1987-1989 und Gründungsdekan der Fakultät Gestaltung der Bauhaus-Universität Weimar von 1992-1994. Sein Werk wurde 1994 mit dem Hessischen Kulturpreis für herausragende Leistungen in den Bereichen der Wissenschaft, Ökologie und Ästhetik, mit dem Bundespreis für Förderer des Designs 1995 und dem Design-Preis Schweiz 2001 gewürdigt. Lucius Burckhardt starb 2003 in Basel. Am 15. Juli 2012 starb Annemarie Burckhardt, die seit 1955 mit Lucius verheiratet war und mit ihm zusammen arbeitete.

Über Lucius Burckhardt

Martin Schmitz
Von der Urbanismuskritik zur Spaziergangswissenschaft

Roland Züger
Experiment Lehrcanapé / Müssen Architekten Marx lesen?

Martin Schmitz
Von der Urbanismuskritik zur Spaziergangswissenschaft

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde in Basel 1949 der Großbasler Korrektionsplan präsentiert; ein autogerechter Umbau des – im Gegensatz zu vielen deutschen Städten – intakten Basel, mit seiner gotischen Innenstadt, der historischen Bebauung und dem engen Straßenverlauf. Das Auto begann mit der Eroberung der Städte und der neue Individualverkehr forderte die Erreichbarkeit der Innenstädte und Parkplätze vor den Geschäften. Die Politiker und Stadtplaner waren völlig überfordert. Sie standen vor dem Problem, an vielen Stellen in die bestehende Substanz und die sozialräumlichen Zusammenhänge der Stadt eingreifen zu müssen, um das neue System des Individualverkehrs zu integrieren. Dementsprechend sah der Korrektionsplan den Abriss ganzer Häuserzeilen zur Verbreiterung der Strassen vor. Am hilflosesten waren die Bewohner der Häuser, die dem Stadtumbau weichen mussten.
Die Dramatik dieses Moments hat Lucius Burckhardt als einer der wenigen zu seiner Zeit erkannt. Er schrieb bereits im Oktober 1949 in der Basler Studentenzeitung unter dem Titel „Altstadt in Gefahr“: „Leider wird auch in der Tagespresse keine kritische Stimme laut, die Kommentatoren scheinen von der Verkehrspsychose angesteckt worden zu sein (soweit sie nicht sowieso ihren Geschmack den Bedürfnissen der Wirtschaft anpassen – Hängebrücke!). Wenn die Zerstörung der Altstadt aufgehalten werden kann, bis der erste Nachkriegsautorausch verflogen ist, und die Entwicklung der Verkehrsmittel wieder ein Stück weiter übersehen werden kann, bis der gute Geschmack etwas nachgewachsen und die Skala der Wertungen wieder korrigiert, bis die Bombenverluste Mitteleuropas auch dem Basler Unterbewußten bewußt geworden sind, – wenn die Zerstörung der Altstadt, sagen wir, dreißig Jahre aufgehalten werden kann, so ist alles gewonnen.“ (Die Altstadt in Gefahr. In: Basler Studentenschaft Nr. 1, Oktober 1949, 31. Jahrgang, Basel, S. 9-15.)
Lucius Burckhardt begann quasi als „Betroffener“ der Planungen für seine Heimatstadt Basel und machte das kritische Engagement zur Basis seiner Arbeit. Von da aus dachte er bis zum Ende der 1950er Jahre das Planen und Bauen in einer Demokratie radikal neu, forderte Partizipation oder kritisierte das politische Beschlussfassungssystem – viele Themen der bevorstehenden Urbanismusdiskussion der ’68er Bewegung.
Publikationen wie „Wir bauen selber uns’re Stadt“ mit Markus Kutter, Basel 1953 und „achtung: die Schweiz“ mit Markus Kutter und Max Frisch, Basel 1955, analysierten Architektur und Städtebau unter den neuen Bedingungen der 1950er Jahre. Da hinter den Politiker Fachleute wie z.B. Architekten stehen, führen entsprechend viele Lösungen zur Architektur, zu einem Bau. Die Burckhardt’sche Formel vom Ende der polytechnischen Lösbarkeit kritisiert diese zwanghafte Konsequenz: Planungsaufgaben der Gegenwart lassen sich nicht mehr in der Art Napoleons lösen „Wie bringe ich die Truppen über den Rhein – Man baue eine Brücke!“ (Das Ende der polytechnischen Lösbarkeit. (1989) In: Wer plant die Planung? Architektur, Politik und Mensch, Berlin 2004, S. 119-128.), sondern erfordern ein Management der „bösartigen“ und unlösbaren Probleme.
Die Reflexion der gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen von Architektur und Planung wurde für ihn zum Beruf, der über viele Stationen führte. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität Münster an der Sozialforschungsstelle in Dortmund, als Dozent an der HfG Ulm, als Redakteur der Zeitschrift „werk“ und auf dem Lehrcanapé (statt Stuhl) an der ETH Zürich, als Professor, als Vorsitzender des Deutschen Werkbundes und als Gründungsdekan des Fachbereichs Gestaltung an der Bauhaus Universität in Weimar trieb Lucius Burckhardt seine Forschung vielschichtig voran.
Design ist unsichtbar, schrieb Lucius Burckhardt 1981. Zunächst klingt diese Formel paradox, denn man kann die Dinge, denen sich Gestaltung widmet, ja sehen. Den Wohnungssuchenden in einer Stadt interessiert aber nicht nur die äussere Form der Architektur, sondern genauso unsichtbare Komponenten wie Mietpreis und Hausordnung. Lucius Burckhardt vertrat die Auffassung, das beste Design einer Strassenbahn sei, wenn sie auch nachts führe. Hinter den sichtbaren Objekten existiert eine unsichtbare soziale Dimension, Fahrpläne oder Gesetze, die mitgestaltet werden müssen.
In seiner Kritik an der sogenannten „Guten Form“ findet sich der Gedanke wieder. Die Ausklammerung der Zusammenhänge, in denen ein zu gestaltender Gegenstand steht, führt zu der angeblich zeitsparenden Zwiebelschneidereinigungsmaschine, die zusätzlich angeschafft werden muss, anstatt dem Gast ein Messerchen in die Hand zu drücken. „So kann man die Welt als eine Welt von Gegenständen auffassen und sie einteilen in – zum Beispiel – Häuser, Straßen, Verkehrsampeln, Kioske; in Kaffeemaschinen, Spültröge, Geschirr, Tischwäsche. Diese Einteilung hat Konsequenzen: Sie führt eben zu der Auffassung von Design, welche ein bestimmtes Gerät ausgrenzt, seine Außenbedingungen anerkennt und sich das Ziel setzt, eine bessere Kaffeemaschine zu bauen oder eine schönere, also das zu tun, was in den fünfziger Jahren mit der Auszeichnung Die Gute Form bedacht worden ist. Wir können uns aber die Welt auch anders einteilen – und wenn ich die Pattern Language recht verstanden habe, so hat das Christopher Alexander dort versucht. Sein Schnitt liegt nicht zwischen Haus, Straße und Kiosk, um bessere Häuser, Straßen und Kioske zu bauen, sondern er scheidet den integrierten Komplex Straßenecke gegen andere städtische Komplexe ab; denn der Kiosk lebt davon, daß mein Bus noch nicht kommt und ich eine Zeitung kaufe, und der Bus hält hier, weil mehrere Wege zusammenlaufen und die Umsteiger gleich Anschluß haben. Straßenecke ist nur die sichtbare Umschreibung des Phänomens, darüber hinaus enthält es Teile organisatorischer Systeme: Buslinien, Fahrpläne, Zeitschriftenverkauf, Ampelphasen usw. Auch diese Einteilung der Umwelt gibt einen designerischen Impuls. Aber dieser bezieht die unsichtbaren Teile des Systems ein. (Design ist unsichtbar. (1981) In: Wer plant die Planung? Architektur, Politik und Mensch, Berlin 2004, S. 187-199.)
In vielen Aufsätzen von Lucius Burckhardt taucht immer wieder die Forderung nach einer zusammenhängenden Wahrnehmung und Interpretation unserer Umwelt und ihrer Geschichte auf. Seine Kritik setzt an den Stellen ein, wo Zusammenhänge in Wissenschaft und Praxis gekappt werden. Der Spezialist als Fachmann braucht immer wieder neue Fachleute, um die Folgen seiner Eingriffe zu beheben. Ein Architekt, Gestalter und Planer, der diesen Gedanken folgt, erkennt, dass er vor weitaus komplexeren Aufgaben steht als angenommen. Daneben rückt der Laie, der Stadtbewohner in das Zentrum der Planungstheorie von Lucius Burckhardt. Die Bürgerbeteiligung und partizipative Architektur sind für ihn elementarer Bestandteil der Planungspraxis.

Die Spaziergangswissenschaft

„Wir führen eine neue Wissenschaft ein: die Promenadologie oder Spaziergangswissenschaft. Sie gründet sich auf die These, dass die Umwelt nicht wahrnehmbar sei, und wenn doch, dann auf Grund von Bildvorstellungen, die sich im Kopf des Beobachters bilden und schon gebildet haben. Der klassische Spaziergang geht vor die Mauem der Stadt, in die Hügel, an den See, auf die Klippen. Der Spaziergänger durchquert eine Reihe von Orten: die Parkplätze, eine Zone vorstädtischer Siedlungen, Fabriken, Müllplätze, Autobahnkreuzungen, aber auch Wiesen, Wälder, Flusstäler, Bauernhöfe. Am Schluss, nach Hause zurückgekehrt, erzählt der Spaziergänger, was er gesehen hat. Er beschreibt, wie es je nach der Stadt - von der er ausging und in die er zurückkehrte - im Schwarzwald aussieht, im Taunus, im Reinhardswald bei Kassel oder in den Vogesen bei Strassburg. Dabei beschreibt er keinen der durchquerten Orte, den Wald, das Flusstal, schon gar nicht die Fabrik oder den Müllplatz, sondern er beschreibt integrierte Landschaftsbilder. Die Wahrnehmung beruht auf dem kinematographischen Effekt des Spazierengehens.“ (In: das Zebra streifen, Gesamthochschule Kassel, Fachbereich Stadtplanung/Landschaftsplanung, Kassel 1994.)
Das Spazierengehen ist die „natürlichste“ Art, sich eine Landschaft oder eine Stadt zu erschließen. Allerdings spazieren wir heute nur noch selten durch die Welt; selbst wenn wir wandern wollen, steigen wir zunächst einmal ins Auto, das uns in den Wald oder auf den Berg bringt. Hochgeschwindigkeitszüge rücken Städte und Regionen näher zusammen, das Flugzeug bringt uns in wenigen Stunden zu fernen Kontinenten. Wir sind mobil wie nie zuvor, und das hat Folgen für unsere Wahrnehmung: Wir sehen die Welt im Schnelldurchlauf. Entsprechend unscharf sind die Bilder und Vorstellungen in unseren Köpfen.
Wahrnehmung beruht auf dem kinematographischen Effekt eines Spaziergangs, wie es schon die englischen Landschaftsgärtner mit ihren Rundwegen und angelegten Perspektiven wussten. Einzelne Sequenzen des Gesehenen werden im Kopf abgespeichert und wir sprechen, nach Hause zurückgekehrt, von typischen Landschaften und Regionen.
„Landschaft wahrzunehmen muß gelernt sein. Das gilt sowohl historisch wie individuell. Unser Kulturkreis wurde befähigt, Landschaft wahrzunehmen, weil die römischen Dichter, weil die Maler der Spätrenaissance, weil die englischen Landschaftsgärtner Landschaft darzustellen verstanden. Landschaft also ist ein kollektives Bildungsgut. Diesen Lernprozeß müssen wir aber auch individuell durchmachen. Natürlich braucht es dazu nicht die Lektüre römischer Dichter, den Besuch des Gemäldemuseums: Groschenromane, Zigarettenreklamen, Schokoladepackungen zeigen uns die kollektiven Produkte des kulturellen Prozesses der Bildung und Entdeckung der Landschaft. Jeder also hat sich das Wahrnehmungsfilter zur Identifizierung eines Ortes als Landschaft angeeignet. Aber natürlich sieht jeder nur, was er zu sehen gelernt hat.“ (Falt-Plan für die Fahrt nach Tahiti, Gesamthochschule Kassel, Fachbereich Stadtplanung/ Landschaftsplanung, Kassel 1987.)
Die größere Mobilität - die Spaziergangswissenschaft beschäftigt sich mit allen Fortbewegungsarten - führt dazu, dass wir über riesige Gebiete kompakte Aussagen treffen, etwa: So ist es in Skandinavien, das ist typisch chinesisch. Der Autofahrer, der in wenigen Stunden das Burgund durchquert hat, sagt, dass es auch nicht mehr das sei, was es mal war. Aber woher weiß er das? Gesehen hat er nur, was an der Windschutzscheibe vorbeigehuscht ist. Wer schnell ist, hat keinen Blick fürs Detail.
Jeder sieht eben, was er zu sehen gelernt hat. Als Neil Armstrong auf dem Mond landete, funkte er seine ersten Eindrücke zur Erde. Was sah er auf dem Mond? Natürlich eine Landschaft, „wie im Grand Canyon“. Dafür hätte er nicht so weit fliegen müssen! Wohin wir auch reisen: Wir bringen unsere Bilder schon mit, wobei es eine große Sehnsucht nach Idyllen gibt. Die Reiseindustrie hat sich in ihrer Werbung längst darauf eingestellt.
„Wir haben es also offenbar mit zwei Bewegungen zu tun, was die Sache sehr kompliziert: einerseits mit der Veränderung des konkreten Raumes, wie immer dieser meß- oder darstellbar sei, und andererseits mit der Entwicklung und Veränderung unserer Landschaftswahrnehmung – und daraus nun unser Nachdenken: Könnte es sein, daß unsere Landschaftswahrnehmung in dem Sinne veraltet ist, daß sie mit der Veränderung der Landschaft heute nicht mitgekommen ist?“ (Brache als Kontext - Postmoderne Landschaften - gibt es das? (1989) In: Warum ist Landschaft schön? Die Spaziergangswissenschaft, Berlin 2006, S. 99.) Unter Ferien auf dem Bauernhof verstehen wir nicht den Aufenthalt mit 20.000 Mastschweinen.
Vor einigen Wochen fischte ich einen Prospekt aus dem Briefkasten, der ein oder zwei Wochen Sommerurlaub mit Sonne, Strand und Meer versprach. Nicht ungewöhnlich, und doch war es seltsam: Die Pauschalangebote verrieten nicht, in welches Land die Reise gehen sollte! Das hätte man früher für einen Druckfehler gehalten. Heute jedoch spielt scheinbar die Geografie bei der Wahl des Ferienortes nur noch eine untergeordnete Rolle. Im Vordergrund stehen Sonne, Strand und Meer – klischeehafte Vorstellungen von einer Bilderbuchlandschaft und einer Bilderbucherholung.
Gerne werden auch Landschaften mit geliehenen Bildern und touristischen Vorzügen aufgepeppt: So wird der Aufenthalt am bayerischen Königssee als „Fjord-Urlaub“ vermarktet, eine Hotelanlage im türkischen Antalya wirbt damit, ein „Klein-Amsterdam“ zu sein. Ski fahren in der Wüste bei Dubai und ayurvedische Anwendungen mit japanischer Teezeremonie in den Tiroler Alpen, das ist heute ganz normal.
„Nie hat man sich so sehr um die Ästhetik der Umwelt gekümmert wie heute; nie waren so viele Kommissionen mit Bewilligungsverfahren beschäftigt, nie gab es so potente Vereinigungen zum Schutze der Umwelt, der Landschaft, der Heimat, der Denkmäler, noch nie war es so schwierig, einen Neubau in eine historische Umgebung zu setzen oder an eine Stelle, wo noch Reste früherer Gärten oder Landwirtschaft zu sehen sind. Aber trotz aller Schutzbestimmungen, Verfahren und abgelehnter Baugesuche wächst ständig die Klage über die Verhässlichung der Umwelt und die Zerstörung der Landschaft.“ (Promenadologische Betrachtungen über die Wahrnehmung der Umwelt und die Aufgaben unserer Generation. (1996) In: Warum ist Landschaft schön? Die Spaziergangswissenschaft, Berlin 2006, S. 251.)
Die Sehnsucht nach intakten Städten und idyllischen Landschaften hat ebenso unseren Alltag erreicht. Die Frankfurter wollen ihren Römer anstelle des abzureißenden Technischen Rathauses lieber im mittelalterlichen Stil wieder aufbauen, ein Stück Italien entsteht am Berliner Tiergarten im Investorenstil und Schlösser ohne Prinzen und Prinzessinnen sollen wieder errichtet werden. Allesamt Ziele unserer Reisen mit dem Navigationsgerät. Viel zu selten weichen wir aber auf dem Weg von A nach B von der Strecke ab, viel zu selten verlassen wir den virtuellen Raum der Postkarten- und Prospektwelt.
„Hinschauen - das tun wir oft schon gar nicht mehr. Stadtplanung, Verkehrsplanung, Soziologie - sind es nicht Schreibtischwissenschaften? Die Spaziergangswissenschaft sucht den Ort und das Lebendige auf, versucht sich darin, das Betrachten wiederzuentdecken. Betrachten heißt, neue Blickwinkel erschließen, Sehweisen ausprobieren, ungewohntes wahrnehmen, störende Elemente aufdecken, Fehler machen und bei sich selbst bemerken. Spaziergangswissenschaft will ein anderes Verständnis von Zeit und Raum gewinnen. Spazierengehende Menschen sind schon durch den Gebrauch ihrer Füße langsamer - und da sie gehen, weil sie dazu Lust haben, und nicht, um anzukommen, sind sie zeitlich unberechenbar. Raum sieht die Spaziergangswissenschaft als Konstrukt der Wahrnehmung - also als vieldeutig.“ (Kulturbeutel, Organ der Spaziergangswissenschaft, Gesamthochschule Kassel, Fachbereich Stadtplanung/Landschaftsplanung, Seminar Wahrnehmung & Verkehr, Kassel 1993.)
Wie Fallschirmspringer landen wir an bestimmten Orten der Metropolen. Nach einer U-Bahnfahrt in Paris stehen wir direkt in den Tuilerien, einem Park, dessen Bedeutung sich eigentlich nur mit dem Weg dorthin erschließt und einmal architektonisch auch so geplant war. Man sieht die Zusammenhänge nicht mehr. Desöfteren fragen wir uns: Sind wir schon auf dem Land oder noch in der Stadt? Der Unterschied ist weitgehend aufgehoben.
„Schauen wir uns in jenen unendlichen Zonen um, welche wir die „Metropole“ nennen können. Es sind die Zonen, wo die Stadt gerne Land sein möchte, wo jeder, ob er nun ein Wohnhaus oder eine Fabrik errichtet, sich mit möglichst viel Grünem umgibt, und anschliessend die Zonen, wo das Land gerne Stadt werden möchte, wo jeder Bürgermeister einer Ortschaft einen Investor sucht, der ihm ein Hochhaus beschert oder mindestens einen Bahnhof mit einer unterirdischen Ebene für die Schiene, einem Fussgängergeschoss und einem Parkhochhaus. – Und nun meine Feststellung: In diesen, von den meisten Menschen bewohnten und besuchten Zonen unserer Lebenswelt ist der promenadologische Kontext, der zum Verständnis des Gesehenen führt, zusammengebrochen.“ (Promenadologische Betrachtungen über die Wahrnehmung der Umwelt und die Aufgaben unserer Generation. (1996) In: Warum ist Landschaft schön? Die Spaziergangswissenschaft, Berlin 2006, S. 251ff.)
In diesem Sinn gibt die Spaziergangswissenschaft einen gestalterischen und planerischen Impuls. „Wir sind die erste Generation, die eine neue, eine promenadologische Ästhetik aufbauen muss. Promenadologisch deshalb, weil der Anmarschweg nicht mehr selbstverständlich ist, sondern weil er im Objekt selbst, darstellend, reproduziert werden muss. Diese mehrschichtige Aussage, die ein Bau, oder im andern Fall, eine gärtnerische Anlage oder eine gepflegte Landschaft erbringen müsste, kann nicht mehr durch den Geniestreich des Schöpfers erbracht werden. Die Aussage des potenten Architekten „Wo kein Ort ist, kreiere ich selber den Ort“ reicht nicht aus; genügend solche ästhetische Kakteen stehen schon herum, ja eben sie sind es, die zu der vielfach beklagten Verhässlichung der Umwelt entscheidend beigetragen haben.“ (Promenadologische Betrachtungen über die Wahrnehmung der Umwelt und die Aufgaben unserer Generation. (1996) In: Warum ist Landschaft schön? Die Spaziergangswissenschaft, Berlin 2006, S. 251ff.)
Die gesamte Burckhardt´sche Forschung setzte sich in den 1980er Jahren zur Spaziergangswissenschaft zusammen. Ein Nebenfach - wie er sie bescheiden und schmunzelnd nannte. Die Promenadologie sollte in der Hochschule gelehrt werden. Der Zeitpunkt ist günstig, da eine neue Generation beginnt, sich kritisch mit Architektur, Planung und Politik auseinanderzusetzen.

© Martin Schmitz
Abgedruckt in: Ausdruck und Gebrauch, Dresdner wissenschaftliche Halbjahreshefte für Architektur, Wohnen, Umwelt, Prof. Dr. Achim Hahn / TU Dresden (Hrsg.), 2007

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Roland Züger
Experiment Lehrcanapé 1970-73
Müssen Architekten Marx lesen?

Wenn es für die Siebziger Jahre an der ETH entscheidende Ereignisse zu beschreiben gäbe, lauteten diese zum einen mit ziemlicher Sicherheit die Lehrtätigkeit Aldo Rossis von 1972 bis 1974. Zum anderen einigte man sich auf die sogenannte «Experimentierphase» durch die Berufung der Gastdozenten Heinrich Zinn, Hans-Qtto Schulte und Jörn Janssen und das Lehrcanape von Lucius Burckhardt mit Rolf Gutmann und Rainer Senn. Letztgenanntes geht bis heute im Schatten des Mailänder Meisters oftmals unter. (1) Dass die scheinbaren Pole der damaligen Architekturausbildung nicht gänzlich in Vergessenheit geraten, so verschieden ihre Einflüsse auf den ersten Blick auch sein mögen, bezeugen Herzog & de Meuron: «Es war zweifellos ein Vorteil für unsere Generation, sowohl von der spröden intellektuellen und ironischen Seite eines Lucius Burckhardt als auch von der Sinnlichkeit eines Aldo Rossi etwas mitgekriegt zu haben.» (2) Neben einem Rückblick auf die Geschichte des Lehrexperiments sollen im Folgenden einige «Früchte» des Canapés angesprochen werden. Vieles von dem, was heute in einem allgegenwärtigen Selbstverständnis in Praxis und Lehre verankert ist, kann auf die damalige Zeit zurückgeführt werden. Der oft kolportierten Mär des «Schreibmaschinendiploms» als Irrweg der Zeit, sollen einige Tatsachen entgegengehalten werden.

Hört auf zu bauen

Durch eine Mischung aus dem offenkundigen Misstrauen gegenüber objektivierbaren Planungsprozessen, einer gewaltigen Portion gesellschaftlichen Unmuts, angeheizt von einer entfesselten Bauwirtschaft, stürzte die Architektur Ende der sechziger Jahre in eine Krise. Heinrich Klotz hat dieser Zeit den treffenden Namen «Bauwirtschaftsfunktionalismus» (3) verliehen. «Alle Häuser sind schön, hört auf zu bauen» (4) war auf einem entrollten Spruchband anlässlich des Architektur-Theoriesymposiums im grossen Hörsaal der Berliner TU zu lesen. «Die Architektur der 68er ist das Nichtbauen», vermerkte Dieter Hoffmann-Axthelm als logische Folge und möglichen Ausweg. (5) Die Krise spaltete die Architektenschaft. Eine Folge des gesteigerten gesellschaftlichen Legitimationsdruckes war die Stärkung der Geistes- und vor allem der Sozialwissenschaften in den Planungsdisziplinen.

Experimente

Gewissermassen als Zugeständnis an die Ereignisse von 1968 war an der ETH ab 1970 die «Experimentierphase» eingeläutet worden. Im Hinblick auf das neue Hochschulgesetz von 1973 öffnete man pädagogischen Reformversuchen die Tore. Im Zuge dessen hat auch der Basler Soziologe Lucius Burckhardt (1925-2003) eine Gastprofessur erhalten. Da aufgeschreckte Altherren bei ihm jedoch ein fehlendes Verständnis für den Entwurf monierten, wurde ihm der Architekt Rolf Gutmann (1926-2002) zur Seite gestellt. Die beiden Lehrenden waren jedoch keine ETH-Neulinge. Bereits im Jahr 1961 holte der damalige Dekan Alfred Roth Lucius Burckhardt von der Ulmer Hochschule für Gestaltung als Lehrbeauftragten nach Zürich. Als erster Soziologe unterrichtete er an der Architekturabteilung der ETH. Rolf Gutmann lehrte bereits von 1957-1961 als Assistent von Roth und 1968/69 als Lehrbeauftragter. (6) Als Architekt war Gutmann gerade im Begriff zusammen mit seinen Büropartnern Felix Schwarz sowie Frank Gloor und Hans Schüpbach nach dem Gewinn des Wettbewerbs für das Stadttheater Basel in der obersten Schweizer Architektenliga Fuss zu fassen. Um den Abriss des alten Theatergebäudes entzündete sich ein ideologischer Streit zwischen Gutmann und Burckhardt, der die jahrelange Zusammenarbeit der Architekten mit Burckhardt beschloss. Doch darauf wird noch zurückzukommen sein. Als Nachfolger von Gutmann bis zum Ende des «Lehrexperiments» 1973 wirkte der Architekt Rainer Senn, bei dessen Onkel Otto H. Senn Rolf Gutmann 1949-1956 gearbeitet hatte. Immerhin drei Jahre lang bestand das Canapé und brachte es auf 29 Ausgaben der Zeitschrift CANAPÉ NEWS?

Problemorientierter Unterricht

Jenseits des historischen Wertes sind es vor allem die pädagogischen Versprechen, die heute eine Betrachtung des Lehrexperiments lohnen. Ohne das Fehlen der - heute so dringlich geforderten - bildfähigen Resultate nachträglich beschönigen zu wollen: Wichtiger bleiben die Form der Auseinandersetzung und die Expansion der Betrachtungsfelder im Entwurfsprozess. Stellvertretend für diese Haltung haben keine Studentenentwürfe den Schlussbericht des Lehrexperiments CANAPÉ NEWS 29 bebildert, sondern ironisch-witzige Illustrationen, die von einem locker ernsthaften Lernklima zeugen und darum auch diesen Text begleiten. (Nur in der Printversion! M.S.)
Hinter der Ausweitung der disziplinären Sphäre von Architektur stand jedoch weder die Absicht zur Auflösung der eigenen Disziplin, noch die Abschaffung ästhetischer Fragestellungen. Mit der Entgrenzung der Disziplin verband sich folgerichtig der Abschied vom «Entwurfsakademismus». Das Ziel einer «Behandlung von bösartigen Problemen» basierte auf einem reflektierten Berufs- und Planungsverständnis, jenseits einer positivistischen Beschwörung einer besseren Zukunft. (8) Im Folgenden soll das ideelle Gerüst hinter den Jahresthemen «Wohnen in Zürich» (1970/71), «Volksschule» (1971/72) sowie «Lehrlingsausbildung» (1972/73) zur Diskussion kommen.
Reformpädagogik und Planungsmethodik waren die zentralen Punkte des Canapés, die bis heute wenig an Aktualität eingebüsst haben. Planungskritik stand im Zentrum der Arbeitsauffassung von Lucius Burckhardt in Lehre wie Praxis. Diese hat er einst in die kryptische Frage gemünzt: «Wer plant die Planung?» (9). Dem Mythos einer Entwurfsaufgabe in der Form «Jugendhaus am Paradeplatz» (10) wurde die Methodik des «Problemorientierten Unterrichts» mit unlösbaren, aber handfesten Aufgaben entgegenstellt. Planerisches Verhalten, unterstützt durch aufgeklärte und wissenschaftliche Methoden beerbte die architektonische Willkür der Intuition und verabschiedete den genialistischen Entwerfer-Gestus. Kreatives Problemlösungsverhalten statt eingepauktem Lösungsschematismus. Die Kritik an den «sauberen Lösungen» - die meist in einem opportunistischen Neubau gipfelten - war nicht zuletzt eine Kritik an den politischen Entscheidungsträgern und ihren Überrumpelungsstrategien, die auf einer Verhinderung der öffentlichen Diskussion gründeten. (11) Der Forderung nach einer offenen Diskussion im Sinne eines kollektiven Lernprozesses wurde in der Lehrmethode am Canapé nachgelebt. Das Meister-Schüler-Verhältnis diffundierte in eine offene Konstellation von Assistenten, Lehrstuhlinhabern, Spezialisten und Studenten. Der Verzicht auf professorale Vorrechte und die Einbindung der Studenten in die Bewertung ihrer Projekte zeugten von einer diskursiven Auseinandersetzung. Das prozessorientierte Denken als Antwort auf die Unlösbarkeit planerischer Probleme war ein Eingeständnis an die Beschränktheit der eigenen Disziplin, jedoch keine Planungsverweigerung. Geschult wurde das Denken in Prozessen, nicht in Endzuständen. Daraus hatte ein erweiterter Planungs- und Gestaltungsbegriff zu folgen, der selbst das «Nicht-Bauen» als Planung begreift.
Auch Exkursionen wurden als «Seminare extra muros» zu Experimenten einer neuen Unterrichtsform, in dem die Wissensvermittlung, die Sammlung von Informationen und ihre Verarbeitung in einem Seminarraum vor Ort die Grenzen einer konsumistischen Bildungsreise sprengte. So wurde beispielsweise im Sommersemester 1971 die «Sozialistische Planungspolitik in einem kapitalistischen Land» am Beispiel Bologna (CANAPÉ NEWS 9) studiert. Die «Stadtplanung in einem sozialistischen Land» am Beispiel von Budapest (CANAPÉ NEWS 16) folgte im Jahr darauf. Beide Reisen bildeten wohl für das Marx-Seminar (1972) und das Studium der eingängigen Literatur einen wichtigen Bezugspunkt. Die Techniken der Planung selbst standen in einem Seminar mit dem Planungswissenschaftler Horst Rittel in den Sommerferien 1972 auf dem Programm. Vierzig Studenten versuchten sich aufgrund neuester analytischer Untersuchungs-Methoden, wie lBIS (Issue-Based-Information-System) an sogenannten «bösartigen Problemen». (12)

Interdisziplinarität

Gerade in der Teambildung mit Spezialisten (13) erkannten die Verantwortlichen des Canapés mögliche Antworten auf die komplexeren Ansprüche der Planung. Die Emanzipation zur Partizipation zeigte sich auf der Seite der «Benutzer» wie auch der Planer. Hierfür stehen die offenen Diskurse an der Hochschule und in der Planungspraxis, die in den sechziger Jahren die Bande zwischen Lucius Burckhardt und den Architekten Frank Gloor, Rolf Gutmann und Felix Schwarz knüpfte. Ein eigenes Briefpapier mit den Namen der Architekten und des Soziologen belegt diese Überzeugung. Bereits in den fünfziger Jahren hatten die Schriften Burckhardts Wir selber bauen unsre Stadt (1953, mit Markus Kutter), Achtung: die Schweiz (1955, mit Max Frisch und Markus Kutter) sowie als Antwort und Stellungnahme darauf Die Neue Stadt (1956, mit Max Frisch und Markus Kutter) die Schweizer Städtebaudebatte geöffnet. Für die legendäre Publikation Achtung: die Schweiz wurde Rolf Gutmann als Mitarbeiter hinzugezogen. In der letzten Publikation war er für den Bildteil zuständig. Als Antwort auf die aufgeworfenen Fragen visualisierte er den Stand der Städtebau-Kunst. Die Bildstrecke umfasste viele auf den C.I.A.M.- Kongressen gezeigte Projekte. (14) Entgegen der Einschätzung vieler Rezipienten, machen die gezeigten Projekte deutlich, wie realistisch die Idee einer «Neuen Stadt» war und in breiten Kreisen diskutiert wurde.

Bergstedt

Eine weitaus wichtigere praktische Zusammenarbeit (15) von Gutmann & Schwarz mit Burckhardt beinhaltete die Planung einer Satellitenstadt bei Hamburg. Sie könnte als Explikation der theoretischen Idee zur neuen Stadt gelesen werden und zielte auf einen äusserst interessanten prozessorientierten Planungsansatz, den es kurz vorzustellen lohnt. In ihm verdichtet sich die Idee der Zusammenarbeit in einem Planungsteam. Zudem liefert es ein, von Kritikern allzu oft vermisstes, praktisches Beispiel, das weit über den verbalen Diskurs hinausweist. Es bringt das Verständnis des Urbanismuskritikers Burckhardt auf den Punkt, der vermerkt: «Nicht Luft, Sonne, Grün regulieren die Planung, sondern eine Anzahl von Faktoren, die zudem noch untereinander verknüpft sind. Alles beeinflusst alles - das ist das Problem der Planung. Jeder Eingriff hat unerwünschte und unvorhersehbare Nebenwirkungen...» (16)
Das 4000 Einwohner zählende Bergstedt ist ein beliebtes Ausflugsziel der Hamburger und liegt an der oberen Alster in der nördlichen Peripherie der Grossstadt. Entlang einer Stadtautobahn-Schleife soll 1960 aus dem alten Dorf eine neue «City» für 20.000 Einwohner entstehen. Sechs Gutacher-Teams untersuchten, wie «die geplanten Grüngebiete, die bestehende Bebauung, der noch vorhandene Dorfkern sowie die zukünftige Bebauung der Wohn- und Arbeitsstättengebiete zu einer sozialen und städtebaulichen Einheit zusammen gefasst werden können ...» (17) Die Schweizer Gruppe versuchte dem «Problem der modernen Stadterweiterung» planerisch zu entgegnen, ohne die Architektur der Bebauung vorzubestimmen. Provokativ vermerkt Burckhardt: «Zum ersten Mal wurde in einem Städtebauwettbewerb auf Städtebau verzichtet». (18) Durch die Einführung von einem Bebauungsplan mit Chiffren wird auf das obligate Häuschenmodell verzichtet. Durch die Festlegung von Zonen unterschiedlicher Dichte soll die Entwicklung steuerbar sein, ohne über die Unmöglichkeit eines Idealzustandes (Dichte, Größe der Versorgungszentren, Verkehrsauslastung) hinwegzutäuschen. Eine gebogene Strasse verbindet die drei, durch Grünzungen voneinander getrennten Gebiete. Eine robuste Grundstruktur ermöglicht eine Überlagerung der Nutzungen. Ein stufenweises Vorgehen, keine endgültige Festlegung von Gestaltung und Einwohnerzahl und der Einbezug von Reserveflächen reagieren auf die Unvorhersehbarkeit einer möglichen Planungsentwicklung: Eine anpassungsfähige Taktik statt ein perfekter Masterplan. «Wir betrachten die Siedlung als Beziehungssystem. Der Reichtum der Beziehungen - der Arbeit, des Güteraustausches, des menschlichen Verkehrs - ist Reichtum überhaupt. Es liegt nicht in der Hand des Planers, die Beziehungen selbst zu planen, wohl aber, sie zu ermöglichen.» (19)
Bemerkenswert am Vorschlag für Bergstedt sind der bewusst nicht hierarchische Aufbau der Gebiete, das betonte Offenhalten der Entwicklung, die eine mögliche Revidierbarkeit bei Fehlern in sich trägt. Burckhardt bezeichnet dieses Vorgehen in seinen Texten als die «Strategie des kleinst-möglichen Eingriffs». Vielleicht trauern wir heute gerade angesichts der in die Kritik geratenen Realisierung von Hamburg-Steilshoop nicht, dass in Bergstedt nichts umgesetzt werden konnte. Im Gegenteil dazu muss jedoch konstatiert werden, dass die ambitionierte Planungsstrategie von Gutmann & Schwarz und Burckhardt keinen weiteren Einfluss ausgeübt hat. (20)

«Ausblick auf eine Schule»

Mit diesem Titel war das letzte Kapitel des Schlussberichts zum Canapé überschrieben, dessen Inhalt jedoch nicht verfasst wurde. Neben dem Exkurs in die Tragweite interdisziplinären Schaffens sollten im Resümee nochmals grundsätzliche Potentiale des Lehrexperiments zusammengefasst werden. Unumstritten scheint heute der Stellenwert der Soziologie für die Ausbildung von Planern und Architekten, seit ihrer Einführung in den sechziger Jahren, dessen Stärkung an der Architekturschule als Erbe Burckhardts zu betrachten ist. In dieser Folge ist auch die interdisziplinäre Arbeitsweise an der Universität, heute beispielsweise im Studio Basel (21) zu sehen. Im Experiment Lehrcanapé stand, allen Unkenrufen zum Trotz, nicht die Ausbildung von «Schmalspur-Soziologen» sondern von «soziologiebewussten architektonischen Spezialisten» (22) im Vordergrund. Nicht die Problemlösung in Form von Bauten, sondern Überlegungen zu organisatorischen Lösungen, die Förderung konzeptionellen Denkens und die Prozessorientierung von Architektur, machen das Canapé und seine Postulate, wie auch die Texte von Lucius Burckhardt, heute aktueller denn je.
Die Politisierung der Architekturausbildung wurde auf besonders pointierte Weise durch den Lehrauftrag der bereits erwähnten Gastdozenten Zinn, Schulte und Janssen angestossen. Nachdem deren Lehraufträge nach nur einem Jahr Lehrtätigkeit nicht verlängert wurden, erfolgte die Mobilisierung der Studenten. Mit dem Abbruch des Lehrexperiments wurde das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, um umgehend die alten Zustände wiederherzustellen. Auf erschreckende Weise zeigte sich dieser Wille, als alle Gastdozenten, die einer Linkspartei angehörten, ihr Unterrichtsprogramm der Schulleitung vorzulegen hatten, beziehungsweise sich unterschriftlich zu politischer Enthaltsamkeit verpflichten mussten. (23) Damit waren auch der Studentenschaft und dem Mittelbau die Mitbestimmungsrechte entzogen. Der gesellschaftlichen Forderung nach Studienreformen wurde somit eine klare Absage erteilt. Schliesslich waren es die späteren Wirkungsstätten von Burckhardt, an denen er unterrichtete und die er teilweise mitgründete, die die an der ETH gesäten Früchte - die Neukonzeption der Architekturausbildung - ernten konnten. An ihnen hat das unverfasste Kapitel im Canapé-Schlussbericht handfeste Züge angenommen.

(1) Auf den Zusammenhang der Studentenforderung zur Berufung Rossis mit der Verlängerung des Canapés verweist Jan Verwijnen. Jan Verwijnen, «Politische Radikalität und poetische Präzision», in: Werk, Bauen und Wohnen, Nr. 7/8, Zürich, 1997.
(2) Herzog & de Meuron, «Die Vorteile der Sinnlichkeit», in: «Viele Mythen, ein Maestro. Kommentare zur Zürcher Lehrtätigkeit von Aldo Rossi», in: Werk, Bauen und Wohnen, Nr. 12, Zürich, 1997, S. 42.
(3) Heinrich Klotz, Moderne und Postmoderne. Architektur der Gegenwart 1960-80, Braunschweig/Wiesbaden, 1987, S. 34.
(4) Lucius Burckhardt, «Die Zeichen der Zeit», in: Bazon Brock (Hrsg.), Die Kinder fressen ihre Revolution, Köln, 1985, S. 270.
(5) Ulf Meyer im Interview mit Dieter Hofmann-Axthelm, «Die Architektur der 68er ist das Nicht-Bauen», in: Der Architekt, Nr. 7, 1997, S. 418-421.
(6) Lucius Burckhardt wurde bereits damals von Rolf Gutmann im Entwurfsunterricht beigezogen.
(7) Leider sind in der Bibliothek der ETHZ nur noch die ersten 23 Nummern einzusehen. Die nachfolgenden, insbesondere die resümierende Nummer 29 schienen derart interessant, dass sie den Rückweg ins Regal nicht mehr gefunden haben. Für die Zusendung einer Kopie vom Canapé 29, ohne die dieser Artikel nicht entstanden wäre, möchte ich mich beim ehemaligen Assistenten des Lehrcanapés Hermann Huber bedanken.
(8) Lucius Burckhardt, «Vom Entwurfsakademismus zur Behandlung bösartiger Probleme», in: CANAPÉ NEWS, Nr. 29, Zürich, 1973, S. 34-37.
(9) Neben dem zentralen Text mit diesem Titel aus dem Jahre 1974 ist jüngst ein neues Buch mit Schriften Burckhardts erschienen: Martin Schmitz, Jesko Fezer, Lucius Burckhardt. Wer plant die Planung? Architektur, Politik und Mensch, Berlin, 2004.
(10) «Experiment-Canapé Schlussbericht», in; CANAPÉ NEWS, Nr. 29, Zürich, 1973, S. 5.
(11) Lucius Burckhardt, «Politische Entscheidungen der Bauplanung», in: Hans G. Helms, Jörn Janssen (Hrsg.), Kapitalistischer Städtebau, Neuwied/Berlin, 1971, S. 37-47.
(12) Jean-Pierre Protzen, «Das Wagnis Design», in: Hans Höger (Hrsg.), Lucius Burckhardt. Design ist unsichtbar, Ostfildern, 1995, S. 179- 182. Als Einführung in die Arbeitsmethoden von Horst Rittel und die Einführung der sog. «Wicked Problems» (bösartige Probleme) verweise ich auf den Text von Jean-Pierre Protzen, einem langjährigen Mitarbeiter von Horst Rittel.
(13) Burckhardt vertraute bei allen Unternehmungen auf die Meinung seiner Frau Annemarie, die ihn auch selbst bei allen Vorlesungen begleitete. Ihrem reichen Wissen und ihrer wachen Erinnerung verdanke ich zahlreiche Hinweise für diesen Text.
(14) Beispielsweise der Entwurf für das Basler Gellertareal von Otto H. Senn (1951), das neue Stadtzentrum von Boston (1953), die Englische New Town Harlow oder das Projekt zum Alexander Polder bei Rotterdam von der Gruppe Upbow (1955). Gerade der Bezug zum späten C.I.A.M. resp. zum Team X ist für Gutmann & Schwarz essentiell. Beide haben sich über den C.I.A.M. kennen gelernt und gleichfalls im Sinne der Team X-Geburt («Out of C.I.A.M.») ihr eigenes Büro gegründet.
(15) Die gelebte Interdisziplinarität zeigte sich auch an weiteren Projekten der Architekten, die hier nur kurz erwähnt werden sollen. Stellvertretend stehen hierfür das angesprochene Stadttheater (1969-75), dessen charakteristisches Dach insbesondere durch die Schalenbau-Erfahrung von Heinz Hossdorf ermöglicht wurde und die Krönung der Zusammenarbeit mit dem Basler Ingenieuren seit den frühen sechziger Jahren darstellt. Weitere nennenswerte Projekte sind das Haus Vischer in Hegenheim (1961) mit seinem hyperbolischen Paraboloiddach oder die offene, weitgespannte Dachlandschaft des EXPO-Pavillons «Waren und Werte» (1964).
(16) «Experiment-Canapé Schlussbericht», in: CANAPÉ NEWS, Nr. 29, Zürich, 1973, S. 17.
(17) «Planung Hamburg-Bergstedt», in: Werk, Nr. 49/3, Zürich, 1962, S. 77. Auf dem C.I.A.M.- Vorbereitungstreffen 1952 in Sigtuna entstand der Kontakt zu Werner Hebebrand, dem Hamburger Stadtbaumeister auf dessen Einladung 1960 das Gutachten in Bergstedt verfasst wurde.
(18) Lucius Burckhardt, Zur Methode prozessualer Stadtplanung von Schwarz & Gutmann, unpubl. Manuskript, S. 15.
(19) «Planung Hamburg-Bergstedt», in: Werk, Nr. 49/3, Zürich, 1962, S. 83. Der Artikel kann auch als Auftakt der Tätigkeit Burckhardts als Werk-Redakteur von 1962-72 gelesen werden.
(20) Lucius Burckhardt, Marcel Herbst, «Wachstum, Dichte und Flexibilität bei der Planung vorstädtischer Gemeinden», in: Stadtbauwelt, Nr. 2, Berlin, 1964. Eine Ausnahme bildet die Studie für Dällikon im Furttal, dessen Erkenntnisse in die Schrift «Wachstum, Dichte und Flexibilität bei der Planung vorstädtischer Gemeinden» von Marcel Herbst, einem Mitarbeiter von Gutmann & Schwarz, sowie Lucius Burckhardt eingeflossen sind.
(21) Das 1999 gegründete Studio Basel der ETH- Zürich wird in abwechselnder Besetzung von Roger Diener, Marcel Meili, Pierre de Meuron und Jacques Herzog geleitet. An der Aussenstelle arbeiten die Studenten der ETH an der Verbindung von städtebaulicher Analyse und Entwurf. Die einzelnen Arbeiten sollen als strategische Fallstudien, nicht als allumfassende Bearbeitung des schweizerischen Territoriums verstanden werden. Die unter den Kriterien der Grenzen, Netzwerke und Differenzen bearbeiteten Gebiete mündete in die Publikation: R. Diener, J. Herzog, P. d. Meuron, M. Meili, C. Schmid, Die Schweiz - ein städtebauliches Porträt, Basel, 2005.
(22) «Experiment-Canapé Schlussbericht», in: CANAPÉ NEWS, Nr. 29, Zürich, 1973, S. 70.
(23) Ebda., S. 29.

© Roland Züger
Abgedruckt in: TransParent Nr. 14, Fachverein der Studierenden am Departement Architektur der ETH Zürich (Hrsg.), Dezember 2005.

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Annemarie & Lucius Burckhardt, 1954 und 1993

Lucius Burckhardt-Raum, Installation von Martin Schmitz in der Ausstellung "Walk!", Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, kuratiert von Stéphane Bauer und Christine Heidemann,
1.9.-14.10.2007